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Montag, 4.8.2008 NDR - Markt um 20:15 (Quelle NDR-Webseite)

Wahrsager: Miese Geschäfte mit dem Glück

Leider fehlen in der folgenden Beschreibung einige Beispiele aus der Markt-Sendung. So wurde einer glücklich verheirateten Frau, der Mutter von drei Kindern prophezeit, dass in den nächsten Monaten ihre Beziehung zu Grunde geht und dass ein neuer Mann in ihr Leben kommt! Merwürdigerweise haben ihr 5 verschiedenen Beraterinnen solche schwarze Bilder gemalt und negative Entwicklungen in Aussicht gestellt! Anscheinend möchten Beraterinnen häufig nur unbedingt interessant sein und dabei schrecken sie nicht davon zurück, auch psychologische Krisen herbeizuführen! Warum? Na klar, bei einer positiv anmutenden Beratung rufen die Menschen nicht mehr an - bei vollkommenem Glück gibt es ja nicht noch mehr zu gewinnen!
 
Hellseher und Wahrsager versprechen viel: Sie wollen wissen, was in der Zukunft eines Menschen passiert. Dabei ist es nur ein Versprechen, keine Fähigkeit, die wissenschaftlich nachweisbar ist. Zudem kann sich jeder Wahrsager, Hellseher oder Astrologe nennen - und für seine Dienste Geld verlangen. Ein scheinbar lukrativer Markt. Jeder fünfte Deutsche glaubt laut Umfragen an Horoskope. Und jeder zehnte meint, dass die Planeten sein Leben beeinflussen.
Doch für viele Menschen sind die Versprechungen der selbsternannten Wahrsager und Hellseher verhängnisvoll und werden zur Sucht. Kaum jemand wagt Schätzungen, aber zurzeit sind offenbar etliche Tausend Menschen in Deutschland von esoterischer Telefonberatung abhängig. Fast unbemerkt ist in den vergangenen Jahren ein Millionen-Euro-Markt entstanden, in dem rund 20.000 sogenannte Wahrsager, Astrologen und Hellseher ihre Geschäfte betreiben. Die Anbieter füllen eine Marktlücke für Menschen in Notlagen und profitieren von der Anonymität großstädtischen Lebens. Wo es kein Gespräch in der Familie oder mit Freunden gibt und wo Unsicherheit und Sorgen um die persönliche Zukunft steigen, greifen Menschen vermehrt zu Angeboten esoterischer Lebensberatung. Zwar gab es Hellseher und Heiler schon immer, aber heutzutage haben die selbsternannten Propheten über Fernsehen, Telefon und Internet eine viel breiteren Wirkungskreis.
Es beginnt häufig mit einem einzigen harmlosen Anruf. Aus Neugierde oder weil jemand in einer Lebenskrise steckt, wird eine Hellseherin mit einer teuren Telefonnummer, die im Schnitt 1,50 bis 2 Euro pro Minute kostet, angerufen. Manche Anruferin - die überwiegende Mehrheit der Betroffenen sind weiblich - ist Jahre später seelisch und finanziell ruiniert. Stück für Stück gleitet sie in die Fänge von Wahrsagerinnen, auch hier ist die überwiegende Mehrzahl weiblich. Der erste Anruf kostet meistens nichts, danach werden die Gebühren fällig.

Betroffene, die Schwierigkeiten mit esoterischer Beratung haben, finden bei den üblichen Suchtberatungen oft schwer Hilfe. Das Problem ist noch nicht überall bekannt. In München gibt es eine Suchtberatung, "Tal 19", die sich unter anderem mit der sogenannten Heilersucht beschäftigt. Jede Woche melden sich im Schnitt zwei neue Anrufer mit ähnlichen Problemen. Meist ist es die Verschuldung, die die Opfer veranlasst, sich professionelle Hilfe zu suchen. Die können Psychologen, Seelsorger, Therapeuten und Schuldenberater leisten. Auf jeden Fall aber sollten die Betroffenen nicht länger aus Scham schweigen, sondern Hilfe suchen und annehmen.
 

Mittwoch, 13. Februar 2008, 20:15 Uhr, Hessen 3 TV
Gabriele F. hat Schulden - und das nur, weil sie mit Wahrsagern telefoniert hat: "Ich hatte Ersparnisse. Als die aufgebraucht waren, musste ich einen Kredit aufnehmen und dann noch einen. Am Ende hatte ich 38.000 Euro Schulden." Gabriele F. war Kundin bei der Firma Questico, Deutschlands größtem Anbieter in Sachen Wahrsagen und Kartenlegen.

Mit Astro TV hat Questico einen eigenen Fernsehsender, wo Schamanen, Hellseher, Channelmedien auftreten. Doch Astro TV ist nur Fassade: Die Fernseh-Wahrsager schaffen Kunden ran fürs eigentliche Geschäft - Wahrsagen am Telefon.

2.800 Kollegen beraten gegen Geld - mit Erfolg. Branchenprimus Questico macht 60 Millionen Euro Umsatz im Jahr und hat eine Million Kunden; die meisten sind Frauen. Viele von ihnen rufen täglich an; für bis zu 120 Euro pro Stunde. So wie Gabriele F.: "Mein Mann und ich haben uns getrennt, und ich wollte immer wieder nachfragen, ob er nochmal zurück kommt zu mir." Über Fragen wie diese kann man stundenlang am Telefon reden. Und Zeit ist Geld; im wahrsten Sinne des Wortes: Kassiert wird am selben Tag per Bankeinzug. Wer nicht zahlen kann, wird gesperrt.
 
"Fürsorglich"
Gabriele F.: "Ich bin mehrmals gesperrt worden, hab dann angerufen, bin wieder entsperrt worden und es kam nie die Frage, was bei mir los ist finanziell. Das ging immer so weiter bis ich völlig am Ende war." Davon will Questico nichts wissen. Geradezu fürsorglich werde das Telefonverhalten der Kunden überwacht, damit sich niemand ruiniere, sagt der Chef.
Sylvius Bardt: "Ich glaube, es gibt keine Dienstleistung in Deutschland, die so intensiv drauf schaut, wie ihre Kunden sich verhalten, wie wir. Bei diesem spezifischen Fall hatten wir keine Auffälligkeiten im finanziellen Zahlungsverhalten festgestellt, kein einziges."

Das ist die Juli-Rechnung von Gabriele H., bei der Questico keine Auffälligkeiten im finanziellen Zahlungsverhalten festgestellt hat:
3. Juli 445 Euro
4. Juli 349 Euro
5. Juli 418 Euro

Die Monatsabrechnung: 5.377 Euro.

Für den Questico-Chef ist das ganz normal. Wirklich nur ein Einzelfall? Eine ehemalige Questico-Mitarbeiterin berichtet anderes. In einer eidesstattlichen Erklärung äußert sich die Kartenlegerin exclusiv in Mex.

"Viele Menschen gehen bis ans Existenzminimum und darüber hinaus, um mit Questico telefonieren zu können. Ich kenne Menschen, die regelmäßig ihr Monatsgehalt an Questico vertelefonieren, die Kredite aufnehmen und sich hochgradig verschuldet haben, um mit Questico telefonieren zu können."
 
Anzeichen von Sucht
Der Psychologe und Psychotherapeut Werner Gross hat mehrere Bücher über Sucht ohne Drogen verfasst. Er kennt dieses Verhalten und zieht interessante Parallelen: "Es ist im Grunde so, wie wenn ein Drogensüchtiger angefixt wird in der Szene, der dann nicht mehr loskommt. Eine Institution, die so was als Plattform anbietet, ist im Grunde vergleichbar mit einem Dealer."

Ein Vergleich, den Sylvius Bardt zurückweist: "Ich weiß nicht, was das mit Drogenhandel zu tun hat; das ist ein Vergleich, den verbitte ich mir. Kundenzufriedenheit ist ein gutes System und die Kunden, die bei uns anrufen, sind zufrieden und nicht süchtig."
 
Bedenkliche Ratschläge
Ebenso bedenklich ist, was die Wahrsager so alles raten. Beispiel medizinische Beratung. Ein Anrufer: "Ich werd 84 Jahre. Jetzt ist die Frage: Soll ich diese Operation machen? Weil ich doch auch schon eine Krebsoperation hinter mir habe." Die Antwort: "Also ich hab hier keine Operation liegen, sondern, dass Du das abwarten sollst." Die Kartenlegerin scheut nicht davor zurück, nach einer Minute Telefonat der 84jährigen krebskranken Frau von einer Operation abzuraten.

So machen es auch Kollegen am Telefon, berichtet die ehemalige Questico-Kartenlegerin: "Mehrere Kollegen haben von einer lebenswichtigen Herzoperation abgeraten; eine sagte: Sie brauchen diese Operation nicht. Die andere sagte: Machen Sie die Operation nicht; sie werden sterben."
Der Questico-Chef ist der Meinung, auch dies könne nur ein Einzelfall sein, weil er solche Beratungen in den internen Vorschriften verbietet. Doch wie will Questico die Einhaltung dieser Vorschriften bei 2.800 Beratern kontrollieren? Sylvius Bardt schwärmt lieber vom mündigen Kunden: "Das sind eigenverantwortliche Menschen, die bei uns anrufen und die Konsequenzen, die sie daraus ziehen aus einer astrologischen Beratung; das ist den Nutzern selbst überlassen."

Für Gabriele F. ist der Alptraum noch nicht zu Ende. Sie geht zum Psychotherapeuten und zahlt immer noch ihren Kredit ab