Die telefonischen Kartenlegerinnen versuchen
sofort, eine persönliche Vertrauensebene aufzubauen, indem sie das persönlichere
"du" als Ansprache vorschlagen. Der Anrufer geht darauf natürlich gern ein.
Anschließend wird nach dem Grund des Anrufes gefragt ("und was genau willst du
wissen?"), was selbstverständlich zugleich das belastende Problem des Anrufers
ist. Durch die Antwort gewinnen die Kartenlegerinnen schon einen Eindruck vom
Persönlichkeitsbild des Anrufers; weitere Informationen gewinnen sie aus Tonlage
und Geschwindigkeit der Stimme sowie der Wortwahl.
Die persönliche Vertrauensebene wird durch Sätze wie "ach, Rosenheim, da war ich
auch schon mal" oder "so geht es ja uns allen!" vertieft, auch kleinere Witze
werden gern eingebracht. Die Kartenlegerinnen gewinnen damit für den Anrufer an
Sympathie, wodurch der Kunde ihnen bereitwilliger Glauben schenkt.
Während dem Kartenmischen, das der Anrufer mit "Stop" beenden soll, kann sich
die Kartenlegerin bereits auf die nun folgende Beratung vorbereiten - wenige
Sekunden reichen dabei schon aus, weitere Zeit gewinnt sie mit dem Auslegen der
Karten.
Aus dem genannten Grund des Anrufes werden nun simple Rückschlüsse gezogen:
sagte der Anrufer beispielsweise, er habe ein gesundheitliches Problem,
"verraten" die Karten, dass dem Anrufer "seine Gesundheit sehr am Herzen läge".
Ist das Problem nicht mit allgemeinen Ratschlägen zu beantworten, müssen dem
Anrufer weitere Fragen gestellt werden: Welche Art von Krankheit, wie lange,
warum und - besonders wichtig - wie alt ist die Person? Was die Karten nun
offenbaren, ist stets eine optimistische, aber nicht unrealistische Perspektive:
Sagt der Kunde beispielsweise, er sei blind und könne nur noch 2% sehen, muss
die Antwort lauten, dass eine plötzliches Wunder nicht zu erwarten sei. Die
Kartenlegerin wägt nun ab, welche Perspektiven sich für den Betroffenen eröffnen
könnten: Ist das Problem als solches irreparabel, muss ein gleichzeitig
auftretender positiver Aspekt gesucht werden: das Schicksal habe die Blindheit
herbeigeführt, da der Mensch schon alles wichtige gesehen habe und nun seine
anderen Sinne schärfen müsse. Die Hoffnung auf Besserung der Krankheit darf
dennoch nicht völlig genommen werden: es wird auf die Homöopathie verwiesen,
allerdings nur zur Unterstützung. Die Lösung des Problems wird auf diese Weise
stets in die Hände des Betroffenen gelegt, im Sinne von: du entscheidest, wie du
die Situation handhabst. Was die Kartenlegerin "sieht", sind nur Rückschlüsse
aus den Antworten der Anrufer. Dabei wird jede Antwort genauestens auf einen
möglichen Rückschluss untersucht: bei einem älteren Anrufer, der etwas über
seine Gesundheit wissen will, wird oft noch der besorgte Rat gegeben, der Kunde
möge auf seinen Rücken achten, da die Karten hier Probleme offenbaren könnten.
Gerade im gesundheitlichen Bereich können die Kartenlegerinnen zudem die
Autosuggestion des Betroffenen ausnutzen, indem sie homöopathische Methoden
empfehlen (Placebo-Effekt) oder auf allgemein bekannte Gesundheitstipps
verweisen: Mehr Sport, mehr Wasser trinken, gesünder essen.
Um den prophetischen Charakter der Karten, der im zunehmenden "Kreuzverhör" des
Anrufers in den Hintergrund treten kann, noch einmal hervorzuheben, kann auch
auf andere Aspekte verwiesen werden, die mit dem erfragten Grund des Anrufes
nichts mehr zu tun haben. Die Kartenlegerin sieht dann womöglich eine "häusliche
Veränderung", die vom Umzug über die Renovierung bis zur neuen Einrichtung jede
Veränderung umfassen kann, die eine Person an ihrem Wohnort im Laufe der Jahre
zwangsläufig vornimmt.
Zusammenfassend lassen sich folgende Punkte herausfiltern, die das telefonische
Kartenlegen auszeichnen:
1. Die Antwort muss stets optimistisch sein. Das Positive aus jeder noch so
schlimmen Situation muss herausgefiltert und hervorgehoben werden.
2. Die Ratschläge dienen nur als Katalysatoren für eine vom Anrufer selber
herbeigeführte Veränderung. Es werden Tipps gegeben, wie die Situation am besten
zu handhaben ist.
3. Der Anrufer wird versucht zu motivieren, mit Sätzen wie "du wärst für die
Selbstständigkeit geschaffen" oder "ich sehe da einen sehr starken Willen in
dir"
4. Die Aussagen sind stets allgemein und werden nur so persönlich, wie die vom
Anrufer dargelegten Fakten es zulassen.
5. Jede Information wird verwertet und trägt zur Formulierung der Antwort bei -
sogar Stimme, Tonlage oder Wortwahl können das Bild des Anrufers erweitern.
6. Die auf dem Tisch liegenden Karten werden so interpretiert, dass sie zur
ausgedachten Antwort der Kartenlegerin passen. Auf den Karten sind nur Bilder zu
sehen, deren Bedeutung hinter dem Symbolcharakter beliebig ausgelegt werden
kann. Es liegen stets genug Karten, um jede beliebige Interpretation zu
ermöglichen; ein System ist nicht zu erkennen.
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